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Bademoden
Das erste deutsche Seebad-Heiligendamm bei Bad Doberan-wurde 1793 eröffnet. Die Seebäder waren vorerst eine Domäne der Reichen, die in der Sommerfrische gerne unter sich blieben. Zum Baden gingen die Herrschaften nicht einfach ins Wasser, sie ließen sich in einem Badekarren hineinfahren und begaben sich erst in angemessener Entfernung vom Strand ins kühle Nass. Nach dem Bad steigt er auf der Treppe wieder in seine Kabine und zieht sich an. Unterdessen wird der Karren wieder nach dem Land zurückgezogen. Dass Frauen an heißen Tagen einfach baden gingen, war damals vollkommen undenkbar, nicht nur, weil kaum ein weibliches Wesen überhaupt schwimmen konnte. Die wenigen Frauen, die sich ins Wasser wagten, mussten sich einem komplexen sozialen und moralischen Reglement unterwerfen. Die strengen Badevorschriften, die damals für die Strände und öffentlichen Bäder entstanden, sahen beispielsweise bis zum Ende des 19. Jahrhunderts vor, dass Frauen und Männer getrennt badeten. Neben der Aufteilung des Strandes nach Geschlechtern gab es zusätzlich auch eine soziale Rangordnung. Im viktorianischen England betrachtete man zunächst das Tragen von Schwimm- oder Badebekleidung als ungewöhnlich. Ein 1868 aus Westafrika heimkehrender Engländer berichtete irritiert, dass er gesehen habe, wie beinahe ein ganzes Dorf in Föhrenhosen geschwommen sein. Und mit ähnlicher Verwirrung wurde in einem 1846 publizierten Buch kolportiert, dass an der amerikanischen Atlantikküste die Bewohner beim gemischtgeschlechtlichen Baden Hemden und Hosen trugen. Als 1860 im Londoner St.-George-Bad erstmals Badende weite Unterhosen trugen, sorgte das für einen Skandal, den auch die „Times“ kommentierte. Sie beklagte, dass „das Wohlbefinden der Badenden unglücklicherweise durch aufdringliche Regelungen eingeschränkt wird. Wir hoffen, dass die Leitung eines Tages dem Beispiel anderer Betriebe folgen wird und diese Dinge dem Taktgefühl der Kundschaft überlassen kann. Diese Angelegenheiten werden in Oxford und anderen Orten immer noch der Umsicht jedes Einzelnen überlassen.“ Ganz allgemein sprach sich das Blatt gegen Badekleidung aus:“Das Tragen irgendeiner Bedeckung ist eine schmutzige Praxis – dadurch werden Krankheiten verborgen und der freie Kontakt des Wassers mit der Haut wird verhindert. Ganz unabhängig davon wie schlecht Männerunterhosen sind, ist ihr Effekt klein im Vergleich mit der absurden Art, wie sich Frauen bedecken.“ Auf dem europäischen Festland, namentlich in Frankreich, setzte sich jedoch bald Bademode durch: für Frauen aufwändig und elegant, für Männer zumindest züchtig. Diese Entwicklung fand in Amerika Anklang – und letztlich auch in England. Über eine junge Frau, die in der Themse schwamm, wurde um 1900 dieser sehr genaue Bericht überliefert: „Sie war vollständig gekleidet, mit gefüttertem Fischerinnenrock und allen Unterröcken einer Lady inklusive Korsett, Stiefeln, Hut und Handschuhen, darüber hinaus in einer Hand den geöffneten riesigen Schirm, in der anderen den ihr bei der wichtigen Gelegenheit übergebenen bunten Blumenstrauß.“ Weibliche Badebekleidung war zwar schon im 19. Jahrhundert üblich, aber sie war dennoch lange Zeit das Stiefkind der Mode. Vor dem Ersten Weltkrieg tauchte das Thema in den tonanagebenden Modejournalen nur am Rande auf. 1913 widmete sich Vogue erstmals der Strandgarderobe und offerierte einen Do-it-yourself-Schnitt für einen Badeanzug. Noch war das Baden ein seltenes Vergnügen. Überdies unterschied sich die Kleidung, mit der sich die Damen der Jahrhundertwende an den Strand begaben, nur unwesentlich von ihrer sonstigen Garderobe. Das heißt, die Frauen trugen nicht nur eine Menge Stoff am Leib, wenn sie sich ins Wasser begaben, sondern auch ihre einschnürenden Korsetts. Am Anfang des 19. Jahrhunderts trugen die Frauen bei ihrem Gang ins Wasser plumpe sackartige Flanellkleider, darunter ebenso unförmige wie unpraktische Pluderhosen. Diese Stoffmengen saugten sich auf geradezu lebensgefährliche Weise so mit Wasser voll, dass sie außer einem kurzen Eintauchen nicht viel mehr an Bewegungsspielraum zuließen. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen reduziertere Badekostüme aus leichteren Materialien auf. 1913 brachte die amerikanische Sportartikelfirma Jantzen Inc. einen für damalige Verhältnisse revolutionären wollenen einteiligen Badeanzug auf den Markt. Ihn gab es in einer Herren- und Damenvariante. Trocken wog der Schwimmanzug immerhin noch etwa ein Kilogramm, nass gar vier Kilo, aber gegenüber dem bisherigen Material war das schon ein Vorteil. Vor allem war es der Beginn einer systematischen Weiterentwicklung der Schwimmmode. Die Erfindung der Nylon- und Perlonfaser veränderte die Mieder- und Bademode nachhaltig. Gegenüber den Naturfasern Baumwolle, Wolle und Seide hatten die neuen synthetischen Fasern entscheidende Vorzüge: Sie waren belastbar, fest, leicht und gleichzeitig dehnbar. Das sensationell Neue an den synthetischen Fasern war, dass sie nicht knitterten und schnell trockneten. Dies war speziell für die Bademodenfirmen relevant. Die Kunstfasern nahmen weit weniger Wasser auf als herkömmliche Naturfasern. Die figurformenden Mieder und stützenden oder gar anhebenden Oberteile, die in die Badeanzüge eingearbeitet wurden, waren dank der neuen dehnbaren Synthetikfasern leichter und weit weniger einengend als die mit Fischbein und Metallstäbchen verstärkten Korsetts früherer Zeiten. Die Bademode stand allerdings noch immer im Widerspruch zu den Erfordernissen einer modernen Schwimmkleidung. Annette Kellerman, der wahrscheinlich erste Weltstar, den das Schwimmen hervorbrachte, schimpfte über die „grauenhaften, unnötigen, klumpigen Schwimmanzüge, die mehr tote durch Ertrinken als Muskelkrämpfe zur Folge haben.“ Die Australierin Kellermann, geboren 1887, war in ihrer Jugend körperbehindert und begann aus Therapiezwecken mit dem Schwimmen. Bald wurde sie so gut, dass sie in der jungen Sportart Frauenschwimmen alles dominierte – von den 100 Metern bis zu den Langstrecken. Später wurde sie als Filmstar berühmt. Zuhause in beiden Welten – dem sich in Bademoden präsentierenden Glamour und dem sich in funktionaler Schwimmbekleidung präsentierenden Sport – wusste Kellerman, wovon sie sprach:“ Es gibt zwei Arten Badeanzüge – diese, die für den Gebrauch im Wasser bestimmt sind, und diese, die nichts taugen außer für den Gebrauch an Land. Wenn du schwimmen gehen willst, brauchst du einen Badeanzug. Wenn du aber bloß am Strand spielen und für die Kamera posieren willst, kannst du die Landvariante wählen.“ 1958 kam ein neues Material auf den Markt, das die Dessous- und Bademodenbrache mehr noch als Nylon bis heute beeinflussen sollte: Lycra, ein leichtes, geschmeidiges, langlebiges Material. Streng genommen ist 1959 das eigentliche Geburtsjahr des Bikinis. „Das Kleidungsstück der Saison – der Bikini“, jubelt die englische Vogue im Juli 59, „eine hinreißende Winzigkeit, die für eine wunderbare Figur den allerbesten Entfaltungsspielraum bietet, sei es beim Sonnenbaden am Strand oder beim Wassersport. Von nun an war der weltweite Siegeszug des Bikinis nicht mehr aufzuhalten. Die Männer schwammen in den zwanziger Jahren noch im die Brust bedeckenden Schwimmanzug. Eine kurze Badehose trugen erst bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin einige Teilnehmer; sie setzte sich nach dem zweiten Weltkrieg durch.
30.08.2010, 08:44 von schwimmadmin |
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